Sport

DAS SCHUHFITTING 3.0

Es riecht – ein bisschen…, irgendwie muffig. Ein Platz auf der Bank ist auch nicht mehr frei, aber vielleicht reicht ja auch die Wand, um sich abzustützen. Personal gibt es hier viel zu wenig und die Mitarbeiter, die da sind, arbeiten viel zu langsam. Menschen schwitzen in dicken Jacken. Draußen ist es kalt, hier unten nicht.  „Passt der?“, höre ich eine Mutter fragen. Kevin zuckt mit den Achseln. Irgendwo schreit ein Kind. Willkommen beim Skischuhverleih.

Der Verkäufer kommt auf mich zu, ich zittere und höre mich flüstern: „Bitte bitte, lass es neue Schuhe sein.“ Natürlich sind es keine neuen… aber was solls, ich habe schon Schlimmeres gesehen. Außerdem bin ich morgen eh wieder da, während die anderen Spaghetti Bolognese im Appartement essen, weil ich abends – während ich nach Blasenpflastern suche – feststellen muss, dass die Schuhe doch nicht passen…

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Jeder Hobby-Skifahrer hat das so oder so ähnlich schon erlebt. Und irgendwann hat sich jeder von uns dann doch endlich seine eigenen Skischuhe gekauft. Ich will ehrlich sein: Ich hatte meistens Glück! Die Leiden des jungen Skischuh-Leihers sind an mir vorbeigezogen wie René an seiner Konkurrenz auf der Laufstrecke. Es gab Tage, an denen ich meine Schuhe in der Dachbox transportiert hatte und nicht mehr reinkam, weil sie zu hart geworden waren. Ich hatte Tage, an denen ich jede Schnalle fünf bis sieben Mal verstellt und bei jeder Gelegenheit, die sich anbot, geöffnet habe. Ich hatte auch Tage, an denen mein taktiles System 20 Minuten brauchte, um jeden einzelnen Zeh wieder spüren zu können, aber:

Alles in allem hatte ich eigentlich nie große Probleme.

Irgendwann wird allerdings jeder Skischuh weich und ich dachte mir: Wenn ich schon einen neuen kaufe, dann einen thermoformbaren. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ehrlich gesagt war er im Angebot und sogar richtig günstig. Deshalb habe ich ihn mir einfach mal schicken lassen: Wird schon passen! Ich mach schon mal den Backofen an…  Und dann habe ich Go3 entdeckt. Ein Kumpel von mir hat tatsächlich einen Kumpel, der Skischuhe anpasst. Cool – Einfach mal ausprobieren! Der Backofen braucht eh noch… Und ehe ich mich versehe, stehe ich auf einer Sensorplatte. Meine Socken haben ein Karomuster, damit auch alles richtig vermessen wird. Eine Umrisszeichnung meines Fußes kommt auch noch dazu – zur Sicherheit.

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„5 Millimeter zu kurz, 3 Millimeter zu schmal.“

Skischuh mit Heißluftpistole

Marco, der Chef von Go3, macht mir deutlich, dass ich „auf gut Glück“ dann doch die falschen Skischuhe gekauft habe, zumindest für den linken Fuß (der hat beim Taekwondo sehr gelitten). Wieder 10 Minuten später stehe ich in der Werkstatt und schaue zu, wie Marco meinem Skischuh mit der Heißluftpistole ordentlich einheizt. Vorher hat er eine Art Plastikfuß (der Schuhmacher würde “Leisten“ sagen), der an meinem Problemstellen extra Polster bekommen hat, zugegebenermaßen nicht ganz sanft in den Schuh bugsiert. „Jetzt drücken wir ihn richtig raus“. Mein Ofen zu Hause hat wahrscheinlich gerade 80 Grad erreicht. „Mit minderwertigen Schalen klappt das hier nicht“, sagt Marco. „Die können dabei schon mal schmelzen. Aber die hier sind gut.“ Glück gehabt!

Im Sportstudium habe ich mal gelernt, dass Hilde Gerg deshalb immer schneller war als die junge Konkurrenz, weil ihr Druck beim Schuss auf beide Ski absolut gleichmäßig verteilt war. Mein krummer linker Fuß schafft das irgendwie nicht ordentlich, das habe ich schon öfter bemerkt.

„Carbon-Einlagen“, sagt Marco. „Mach ich Dir auch noch, dann klappt‘s auch mit dem Druck“.

Die stellt Marko eigentlich speziell für Läufer her und Menschen, die Schmerzen beim Laufen haben. Dafür stattet er die Läufer mit Sensoren aus, die jede Bewegung der Füße und der Knie aufzeichnen. Am PC kann Marco dann bis aufs zehntel Grad z.B. die Pro- oder Supination der Füße ablesen, sowie die Bewegung der Knie – natürlich. Ein bisschen komme ich mir vor wie auf dem Raumschiff Enterprise. Mir gefällt es.

Ich besitze jetzt Skischuhe, die passen wie angeföhnt. Der linke hat da, wo der große Zeh ist, eine kleine Ausbeulung – ebenso an der Außenseite für den Spann. Rechts wurde auch ein bisschen Platz gemacht, nur ein bisschen, damit der Druck nicht verloren geht. Dieser wird übrigens demnächst mithilfe von Carbon-Einlagen optimal auf den Schnee verteilt. Ich freue mich schon auf den nächsten Urlaub. Den Backofen habe ich wieder ausgeschaltet.

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