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LAUFEN IM TRIATHLON | EINE NEUE ÄRA?!

Frodeno_WorldChampionship_2018

Ein paar Tage sind vergangen seitdem die Ironman 70.3 World Championship vorbei sind. Und wenn mir die Weltmeisterschaft eines gezeigt hat, dann, dass das Jan Frodeno on Fire ist. Und, dass mittlerweile dem Laufen im Triathlon die wohl wichtigste Rolle zukommt. Klar, am Ende sind alle drei Sportarten entscheidend. Eine kleine Analyse.

Wow, was war das für ein Feuerwerk am Sonntag von Jan Frodeno. Ich habe auf Facebook ein Zitat von Kienles Trainer Lubos Bilek gelesen, das da hieß:

Wenn man sich die Laufzeiten von der 70.3. anschaut, bekommt man das Gefühl, dass die Jungs erstmal gedacht haben, es ist WM-Kurzdistanz, nur sind halt danach noch weitere 10km gelaufen!

Und so war es auch. Frodeno ist die ersten 10km in 31:38 – Gomez sogar 14 Sekunden schneller gelaufen. Nur mal zum Vergleich. Beim letzten Rennen der ITU World Triathlon in Montreal wäre das eine Top10 Laufzeit gewesen – die Kragenweite von Kristian Blumenfeld, der ja nicht gerade zu den Langsamsten der Szene gehört. Anders ausgedrückt: WAHNSINN!!!!

Frodeno_WorldChampionship_2018

Copyright: Felix Rüdiger

JAN FRODENO – DER LAUF-ÜBERFLIEGER VON SÜDAFRIKA

31:38 ist eine Pace von 3:09 pro Kilometer – einfach IRRE. Schaut man sich die Splits an, sieht man wie gleichmässig Frodeno gelaufen ist. Absolutes Limit und das dann einfach gnadenlos durchgezogen. Wirklich beeindruckend. Gomez und Brownlee haben da, glaube ich, so nicht mit gerechnet. Im Interview nach dem dem Rennen sagte Brownlee, dass er Jan im schwimmen schon abhängen wollte, das Tempo aber einfach nicht dafür gereicht habe. Da haben die Jungs Frodeno wohl das erste Mal unterschätzt, der im Schwimmen wirklich noch mal – und das auf DEM NIVEAU – in diesem Jahr eine Schippe drauf gelegt hat. Frodeno sagte nach dem Rennen – leicht genervt (vermutlich zurecht) – er habe Gomez den ganzen Tag nicht gesehen, weil er sich im Schwimmen und auf dem Rad eher hinten aufgehalten habe. Und ich glaube, das war auch der mentale Boost, der Jan Frodeno an dem Tag zu so einer Leistung befähigt hat.

Frodeno_WorldChampionship_2018

Copyright: Felix Rüdiger

Sichtlich frustriert (‘etwas Wut im Bauch’) und angefressen (sage ich) hat ihm das, wohl auch ob seiner Erinnerung an die frühere Kurzdistanz-Karriere, den maximalen Schub gegeben. Jan wollte auf der Laufstrecke nicht von den (jetzt wohl eher vermeintlichen) Überläufern der Triathlon-Szene überlaufen werden. ‘Nicht schon wieder’, dachte sich wohl Frodeno, passierte das auf der Kurzdistanz doch das ein oder andere Mal.

Es sollte so nicht kommen, denn Jan hat auch im Laufen noch ein Mal einen Sprung gemacht. Wobei sich ‘Sprung’ anhört, wie von einem ‘Dark Horse’, dass auf einmal Laufen kann. Dem ist natürlich nicht so. Aber wenn man sich anschaut, was Frodeno Anno 2018 gegen die stärksten Läufer auf die Straße bringt, ist das schon auffällig. In Frankfurt wollte Jan schon gegen den amtierenden Weltmeister Patrick Lange zeigen, dass er – wie er sagte – auch Laufen kann. Der Laufstreckenrekord war das Ergebnis in 2:39:06. Schon da haben viele leicht verwirrt geguckt. Nicht, dass Jan das nicht drauf hätte und es ihm niemand zugetraut hätte. Aber jetzt hatten es alle ‘Schwarz auf Weiß’ und es drängte sich die Frage auf:

WIE SOLL MAN JAN FRODENO JETZT NOCH SCHLAGEN?

Dass Jan Frodeno in ‘PE’ gegen Gomez und Brownlee bestanden hat, zeigt wie stark sich Jan Frodeno seit dem Ende seiner Kurzdistanz-Karriere weiterentwickelt hat. Es scheint so, als hätten die anderen das Tempo konserviert, Jan aber kontinuierlich neue Stellschrauben entdeckt. Wie so ein ‘Tüftel-Nerd’, der nachts, wenn alle Schlafen, im Keller experimentiert wie es noch schneller geht. Auch wenn das Bild im Kopf vermutlich etwas hinkt, genau so ist es. Ich schweife jetzt etwas ab, aber verspreche gleich zum Laufthema zurückzukommen.

Frodeno_WorldChampionship_2018

Copyright: Felix Rüdiger

Aber das ist es, was Jan Frodeno in diesem Jahr ‘outstanding’ macht für mich. Dieser Perfektionismus das absolute Maximum rauszuholen. Und wer nur ein bisschen Einblick in sein Umfeld hat, der weiß, dass Jan genauso tickt. Dabei scheint Frodeno genau den richtigen Mix hinzubekommen aus maximaler Getriebenheit gepaart mit Fokus auf der Einen und totaler Entspannung auf der anderen Seite. Wer bei Interviews hinschaut, der merkt, dass vor den Rennen mit dem Stellen der ersten Frage der ‘Race-Mode’ on ist. Nach dem Rennen das genaue Gegenteil, als hätte man bei einem Strommasten die Spannung um die Hälfte reduziert. Und dann ist da noch dieses taktische Gespür: In diesem Jahr hat es Jan bisher immer geschafft, die richtige Taktik zu finden auf dem Weg zum Sieg. Durch seine Ausgeglichenheit durch alle Sportarten ist das natürlich etwas einfacher, erfordert aber auch viel Geduld, seine Stärken zur rechten Zeit einzusetzen.

Ist die Laufzeit von 1:06:34 – eine Weltbestzeit?

Zurück zum Laufen: Gestern habe ich mir mal etwas die Zeit genommen, um zu recherchieren. 3:36:31 ist KEINE Weltbestzeit auf der Mitteldistanz. Die hält nach wie vor Michael Raelert mit 3:34:04  im Jahr 2009. Wie das geht? Mit einer Radzeit damals in Clearwater unter der 2-Stunden-Marke. Ich habe jetzt nicht alle Rennen durchgeguckt, aber ich wüsste nicht wer jemals schneller in einem 70.3 gelaufen ist. 1:06:34! Selbst Raelert ist zu seinem besten Zeit beim WM-Titel 2009/2010 nie unter 1:09h gelaufen. Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, aber ich bin mir sicher nach meiner Recherche, das ist Weltbestzeit in einem Ironman 70.3. Und um dem Ganzen noch einen drauf zu setzen für alle Zahlenfreaks: Bei den deutschen Halbdistanz-Meisterschaften in Hannover wäre Jan Frodeno mit der Zeit bei den Spezialisten 6.!!! geworden. Vor Hendrik Pfeiffer, der im vergangenen Jahr den Köln Marathon gewann. Just sayin’!

Zwei weitere Gedankengänge zu dieser Laufzeit:

NUMMER 1:

Wie hat Jan Frodeno das gemacht? In Oceanside 2017 ist Jan Frodeno 1:10h flach gelaufen. Ich glaube sogar, bisher kein einziges Mal unter 1:10h auf 70.3! Das sind über 3 Minuten – und andere Welt auf den ersten Blick. Natürlich spielt eine Rolle, dass er sich mit den Besten der Besten messen konnte. Das setzt Kräfte frei und motiviert zusätzlich – vor allem mit der Geschichte auf der Kurzdistanz. Am Ende sind das 10 Sekunden pro Kilometer schneller. Was auch immer Jan gemacht hat, es war von Erfolg gekrönt und zeigt, dass immer noch mehr geht und Jan Frodeno bisher wahrscheinlich nie so gefordert worden ist, um an seinen absoluten Grenzen gehen zu müssen. Oder aber sein Trainer Dan Lorang hat ein spezielles Lauftraining entwickelt. Falls ja, lieber Dan, verrate es mir, ich kann es gut gebrauchen! 😉

NUMMER 2:

1:06:34 war die Sieger-Laufzeit 2018 bei den Weltmeisterschaften. 2012 bei Kienles WM-Sieg 1:16h. Das sind 10!!!! Minuten Unterschied. Scrolled man durch die Laufzeiten der letzten 5-10 Jahre findet man überall das gleiche Bild. Wenn sich eine Disziplin, was die Zeiten angeht, am stärksten verändert hat, dann das Laufen. Mit Sicherheit auch, weil die Renndynamik es mittlerweile nur noch schwer zulässt große Vorsprünge beim Radfahren rauszufahren wie noch vor 4-5 Jahren als Sebastian Kienle die Szene dominierte. Lubos Bilek hat schon damals zu mir gesagt, die Rennen werden im Laufen entschieden und er sollte Recht behalten. Das zeigt alleine schon der WM-Titel von Patrick Lange im vergangenen Jahr. Aber als kleine Sidenote: Bei den Frauen das gleiche Bild. Vor 5-6 Jahren sind die besten Läuferinnen wie Miranda Carfrae bei den Weltmeisterschaften 1:21-1:23h gelaufen. Heute gewinnt eine Daniela Ryf mit 1:17h. Wahnsinn!

Frodeno_WorldChampionship_2018

Copyright: Felix Rüdiger

JAN FRODENO VOLLER SELBSTBEWUSSTSSEIN

Eins steht jetzt nach der 70.3 Weltmeisterschaft fest: Jan Frodenos Selbstbewusstsein für Kona sollte ultimativ geboostet sein. Mit dem Wissen die besten Läufer auf der Mittel- und Langdistanz in diesem Jahr geschlagen zu haben, kann er mit Sicherheit voller Optimismus nach vorne schauen. Und Gomez – dem viele auch den Debüt-Sieg auf Hawaii in diesem Jahr zutrauen – noch einen Dämpfer mitgegeben zu haben, ist mit Sicherheit auch ein schöner Randeffekt, den Jan Frodeno gerne mitnimmt. 😉

Jetzt sind es noch 5 Wochen bis zum großen Showdown auf Hawaii. Schon jetzt freue ich mich auf das Feuerwerk!

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