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I cry for you, Argentina!

Was ein dummer Zufall. 1.2.2016. Ein neuer Monat beginnt. Erster Tag ohne Wohnung offiziell. Und wo bin ich? Direkt am Flughafen. Was aussieht wie eine Flucht, ist tatsächlich Zufall, auch wenn das zumindest ein bisschen geheuchelt ist. Schließlich hat das ja schon mein nicht ganz funktionierendes Hirn ausgeheckt: Halb angetrunken an Silvester, als ich meinem Vermieter schrieb: „Hey Junge. Pass uff. Ich bin raus Ende Januar“. Oder so ähnlich. Ich liebe ja Fliegen und den Flughafen. Aber diese Örtlichkeit mit diesen riesigen Turbinen auf der Rollbahn, diesem streng gekleideten Personal überall, macht mich immer melancholisch. Ja, genau mich! In Gedanken zeige ich mir kurz den Vogel. Und es gibt immer diesen einen Moment, wenn das passiert: Auf der Startbahn.

Meine Bose-Kopfhörer beschallen meine kleinen Öhrchen. (Sind sie wirklich)

„Bis ans Ende der Welt“ von Joris.

Es gibt beweise in meinen WhatsApp-Nachrichten dafür. Ich drehe den Kopf nach links. Langsam rollt dieses monströse Etwas namens B747-8L dahin. Geschmeidig. Ganz ruhig. Meine Beine liegen ausgestreckt auf dem Hocker in der Business Class. Mein rechter, rechter Platz ist frei. Eigentlich. Kissen und Decken habe ich darauf fein drappiert. Immerhin fast bis auf Kinnhöhe. Ich fühle mich gesellschaftlich voll integriert in diesem Moment und muss dabei selbst lachen. Natürlich nur innerlich. Wir sind hier im Wohnzimmer der Schönen und Reichen. Da wird nicht gelacht, sondern brav der Wirtschaftsteil gelesen. Und zwar auf Englisch. Mindestens. Selbstverständlich sind dabei die Beine so ineinander geknotet, dass ne Python neidisch rüber glotzen würde. Egal.

„How-unfucking-fassbar-gut“

Wo war ich noch gleich stehen geblieben? Ah ja. Melancholie. Bei dem Wort, das mal ganz nebenbei, zerbröckeln normalerweise meine Zehennägel von ganz alleine. Aber mir wird gerade echt bewusst, „how-unfucking-fassbar-gut“ es mir geht. Noch mal kurz zum ins Iphone tippen: Ich sitze im Flieger nach Buenos Aires zum Arbeiten in dem Bereich, den ich liebe, dem Sport. Am Liebsten würde ich mir gerade mal rechts und links kräftig eine watschen. Aber auf Publikum habe ich gerade keine Lust, wo meine Augen doch leicht angefeuchtet aus dem ovalen Fenster ins Dunkel der Nacht schauen. Einfach mal kurz inne halten. Bewusst machen, wie privilegiert es einem geht. Mal Demut zeigen, etwas, das ich wirklich lange nicht kannte. Genau diese nachdenklichen Momente machen mich glücklich. Die feine Lufthansa-Dame kommt. Ihre rote Brille hält ihre kinnlangen Haare zurück. Der Aperitif wird serviert. Endlich. Genug geschwallt. Drinks for free all night long. Geiler Schuppen. Angeheitert macht tindern doch viel mehr Spaß. Moment mal. Ich hab ja gar kein Empfang. Den Frust bekämpfe ich direkt mal lauthals mit Champagner-Gurgeln. Ah ne. Das macht man nur in St. Moritz. Es ist verhältnismässig ruhig dieses Mal im Flieger. Liegt vielleicht daran, dass mein Kameramann nicht mit mir fliegt. Der kennt schon auf der Startbahn den Piloten persönlich, hat diesen schon mindestens nen Kurzen versucht unterzujubeln, und die Namen der Stewardessen hat er schon auswendig gelernt. Unter massivem Alkoholeinfluss ist aber zwei Stunden später auch Ruhe bis zur Landung. Die Economy-Class macht dann die Laola-Welle und die Piloten spielen Wahrheit oder Pflicht mit den Flugbegleiterinnen. Nicolas schläft. Ich schweife ab.

Über_den_Wolken

Schneewittchen und die 7 Zwerge

Das Wort schlafen zu schreiben, ist für mich genauso beeinträchtigend, wie sich ins Bett zu legen. Einen Knopfdruck zuvor saß ich noch in der Senkrechten und dabei einen Film auszusuchen. Geschlafen habe ich wie Schneewittchen (und die sieben Zwerge). Ich schiebe die Sonnenblende hoch. Am Horizont beginnt die Sonne gerade, das Feuer zu entzünden und die Nacht mal in den Feierabend zu schicken. Schichtwechsel. Die eloquente Schar um mich herum schnarcht noch. Ich fahre meinen Schlaf-Rollator mal wieder in die Zeitzone der Lebenden. Zwei stille Wasser und Orangensäfte auf Ex später putze ich mir die Zähne. Die Stewardessen wollen ja nicht das abfällige Tinder-One-Night-Stand-Programm bekommen. Auch wenn ich diese nicht abschlecke, kommt noch der Lippenbalsam drauf. Das Zeug im Kulturbeutel will ja auch ne Prise Zuneigung, wenn ich schon die Mediathek keines Blickes würdige. Sorry schon mal dafür. Das beste an diesen Lang
streckenflügen sind die Frisuren am nächsten Morgen. Vom Durchgevögelt-, über den Steckdosen- bis hin zum Punk-Look ist alles dabei. Ein Walk of Shame in der Business-Class vom Allerfeinsten. Da ist die eigene Frisur auf einmal völlig underdressed im Vergleich zum zugeknöpften Hemd, das den Kopf schon leicht rötlich anschwellen lässt. Alle wirken auf einmal so unperfekt. Im Gegensatz zum Frühstück, das gerade kommt. So liebevoll, wie das alles im rechten Winkel arrangiert ist, will man das Essen gar nicht anfassen, aber der Hunger ist größer. Das Schlachtfeld bleibt. Unterdessen wandert das Flugzeug in der Animation vor mir auf dem großen Bildschirm so weit in Richtung Zielort, dass der Pilot mit leicht sächsischen Akzent sich genötigt fühlt, eine Ansage zu machen. Kurz und knackig. Voller Rücksicht. Das Wichtigste ist aber drin: 26 Grad und Sonne. Die Meute jubelt so laut wie nach den Landungen auf Mallorca in den 90er Jahren. Ich setze die Kopfhörer auf. Schaue nach links aus dem Fenster. Die Augen strahlen mit der Sonne um die Wette. Der Boden kommt näher. Die Landebahn ist in Sicht. Wir sind da.

Hola, Buenos Aires.

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8 Comments

  • RunningAlex82
    3. Februar 2016 at 18:25

    Ich hab mich immer gefragt… Warum soll ich Blogs lesen? Was soll da interessantes drinstehen? Nun lese ich DEINEN Blog und freue mich irgendwie mit dir das du dieses Abenteuer angehst! Ich werde weiterlesen – das steht fest! #RockOn

  • Marco
    3. Februar 2016 at 19:40

    Irgendwann im letzten Jahr beim stöbern im Netz auf die Beasters gestoßen. Sämtliche Videos geschaut dran geblieben. Nun bin ich mal gespannt was Du uns über Dein neues “frei sein” berichten tust.

  • Sebastian Schmicker
    4. Februar 2016 at 9:38

    Was soll man fühlen wenn man zu Ende gelesen hat? NEID ? Vielleicht, eher aber Fernweh, wenn hier der Regen mit 3Grad und WInd an die Fensterscheibe trommelt, Scheiß drauf ich bin los, Laufen…
    Aber der Text , der war gut 😉
    Weiterhin alles gut RENE!

  • Frank
    5. Februar 2016 at 11:18

    Bin wie Marco über die Beasters zu Deinem Blog gekommen und habe mir alle Videos angeschaut…hoffe da kommen noch mal welche ?
    Ich bin begeistert, dass Du den Mut hast dir diese Freiheit zu nehmen. Ich habe ihn nicht ? aber ich werde deinem Blog folgen und wünsche alles Gute und viele tolle unvergessliche Erlebnisse.
    Grüße aus dem Regen….

    • Sportspinner
      5. Februar 2016 at 14:05

      Hey Frank,

      danke für den Follow und deine netten Worte. Bei mir hat es auch was gedauert bis ich bereit dafür war. Aber was soll passieren? Zurück kann immer! :-))))

      Liebe Grüße von 25 Grad…im Schatten 😀

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